Vielleicht beginnt Freiheit genau dort, wo wir nicht mehr wegsehen
- omarte

- vor 1 Tag
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Stunden
Die Vorlage für das "Kunstprojekt 2020" ist das Werk von Iakovos Kambanellis "Die Freiheit kam im Mai".
Iakovos Kambanellis war einer der bedeutensten griechischen Theaterschriftsteller und schrieb in seinem einzigen Prosawerk seine Erfahrungen als Häftling im KZ Mauthausen nieder. Sein Werk ist deswegen so relevant, weil es eine Zeit beleuchtet, die in der einschlägigen Literatur kaum behandelt wird, nämlich die Zeit unmittelbar nach der Befreiung...
Malerische Umsetzung des 16. Kapitels: "Das Böse begann sehr früh"

"Das Böse begann sehr früh", mixed media by OMAR, 2020
Das Werk "Das Böse begann sehr früh" war Teil der Ausstellung "100 Künstlerinnen und Künstler - 100 Kunstwerke der Freiheit", die vom 22. bis 24. Juli 2021 in der Diplomatischen Akademie Wien stattfand.
Kuratiert von Elena Strubakis, vereinte das multimediale Projekt Arbeiten, die sich eindrucksvoll mit dem Thema "Die Freiheit kam im Mai" - dem Ende des Holocausts - auseinandersetzten.
Die Ausstellung stand unter dem Ehrenschutz von Vertretern verschiedener Glaubensgemeinschaften, darunter Kardinal Christoph Schönborn, Oberrabiner Jaron Engelmayer, Bischof Chalupka und Metropolit Arsenios Kardamakis und dem Altbundespräsidenten Dr. Heinz Fischer.
Ich erinnere mich genau an den Moment, als ich mit der Arbeit an meinem Werk für die Ausstellung „100 Künstlerinnen und Künstler, 100 Kunstwerke der Freiheit“ begann. Es war früh am Morgen. Diese besondere Stille, wie sie nur während der Corona-Pandemie existierte – eine Stille, die nicht Frieden bedeutete, sondern Verunsicherung. Die Welt stand still, und vielleicht war es genau diese erzwungene Pause, die mich zwang, genauer hinzusehen.
Die Pandemie hatte vieles verlangsamt, aber mein innerer Prozess wurde dadurch intensiver. Freiheit – das Thema der Ausstellung – bekam eine neue Dimension. Was bedeutet Freiheit in einem Land wie Österreich? Was bedeutet sie für mich persönlich? Und was bedeutet sie im Angesicht der Geschichte?
Ich war auf dem Rückweg von einer Bildlieferung in Salzburg nach Wien. Einer dieser regnerischen Tage, an denen die Westautobahn im Grau des Nebels zu verschwinden schien. Ohne lange nachzudenken, nahm ich die Abfahrt Richtung Mauthausen. Es war keine geplante Entscheidung. Eher ein innerer Impuls, dem ich folgte.
Die KZ Gedenkstätte Mauthausen lag still unter dem schweren Himmel. Die vielen Parkplätze waren leer, das Gelände menschenlos. Alles wirkte gepflegt, beinahe makellos - die Wege, die Beschilderungen, die Aufarbeitung für Besucher und Besucherinnen. Dieser ordentlliche Zustand stand in einem beinahe irritierenden Kontrast zu dem, was sich hier einst ereignet hatte. Ich war allein.
Zwischen den Mauern, die so viel Leid gesehen haben, wurde mir bewusst, wie wenig ich eigentlich wusste. Nicht nur über die nationalsozialistische Vergangenheit im Allgemeinen – sondern über die Geschichte meines eigenen Heimatortes. Mir wurde klar, dass Geschichte kein fernes Kapitel ist, kein abstrakter Stoff aus Schulbüchern. Sie ist Teil unserer Landschaft, unseres Alltags. Teil von mir.
Dieser Besuch war kein rein historischer Akt. Es war eine persönliche Konfrontation. Mit der Vergangenheit. Mit Verantwortung. Mit der Frage, wie früh das Böse beginnt - und wie leise.
Ich komme aus Lochau am Bodensee und bin ursprünglich in Hörbranz in Vorarlberg aufgewachsen. Ich habe die Volksschule Hörbranz besucht. Anschließend ging ich ins Bundesgymnasium Bregenz und danach ins BORG Lauterach. Danach habe ich in Wien studiert. Außerdem war ich beim SV Lochau als Leistungssportler aktiv und gehörte dem VLV- sowie ÖLV-Kader an. Und dennoch wusste ich nicht, dass es im Gau Tirol -Vorarlberg ein einziges Konzentrationslager gab – in meinem Heimatort Lochau.
Dieses Wissen traf mich mit einer Wucht, die ich nicht erwartet hatte.
Wie konnte es sein, dass ich all diese Bildungswege durchlaufen hatte und dennoch nichts davon wusste? Wie kann kollektive Erinnerung funktionieren, wenn sie offenbar Lücken hat? Oder sind es keine Lücken, sondern blinde Flecken?
In diesem Zusammenhang hörte ich zum ersten Mal bewusst das Wort Shoah. Ein Begriff, der für die systematische Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden steht. Dass ich dieses Wort erst in diesem Kontext lernte, beschämte mich. Es zeigte mir, wie selektiv Aufklärung sein kann – selbst in einem Land, das sich seiner Geschichte offiziell stellt.
Ich begann mich zu fragen: Wie bewertet man den Umgang Österreichs mit seiner eigenen Vergangenheit? Es gibt Gedenkstätten, offizielle Erinnerungsakte, Bildungsprogramme. Und doch gibt es offenbar Generationen wie meine, die zentrale historische Fakten über ihre unmittelbare Umgebung nicht kennen. Ist das ein Versagen der Schule? Der Gesellschaft? Oder liegt es auch an uns selbst, nicht tiefer gefragt zu haben?
Meine Arbeit entstand aus dieser Irritation. Aus dieser inneren Unruhe. Sie war kein moralischer Zeigefinger, sondern eine Selbstbefragung. Freiheit bedeutet nicht nur Bewegungsfreiheit oder Meinungsfreiheit – sie bedeutet auch die Freiheit, sich der eigenen Geschichte zu stellen. Und die Verantwortung, hinzusehen.
Corona hat uns isoliert. Aber vielleicht hat diese Isolation auch Räume geöffnet. Räume für Erinnerung. Für Zweifel. Für neue Fragen.
Kunst ist für mich nicht Dekoration. Sie ist Konfrontation. Mit der Geschichte. Mit meiner eigenen Biografie. Mit meinem Nicht-Wissen.
Vielleicht beginnt Freiheit genau dort, wo wir nicht mehr wegsehen.
OMAR
Trotz der zentralen Bedeutung der NS-Vergangenheit für die österreichische Erinnerungskultur bestehen offenbar weiterhin erhebliche Wissenslücken in der Bevölkerung (stichprobenartige Befragungen) hinsichtlich grundlegender Begriffe wie ...
ANTISEMITISMUS
HOLOCAUST
SHOAH
ZIONISMUS
NS - EUTHANASIE
AKTION T4
GHETTO
GESTAPO
NOVEMBERPOGROME
und viele mehr




Kommentare