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omarte journal

Kunst braucht Zeit. Zeit für das Entstehen, Zeit für das Sehen. Das omarte journal ist ein Ort der Entschleunigung und der bleibenden Tiefe.

 
Und vielleicht beginnt alles mit der Frage nach uns selbst.

Vom Menschsein

Von omarte | OMAR
 
 




















Was bedeutet es, Mensch zu sein?

Diese Frage begleitet mich schon lange.

Vielleicht sogar länger, als mir bewusst ist.

Sie begegnet mir in der Kunst.
Sie begegnet mir in Menschen.
In dem, was wir einander geben.
Und in dem, was wir einander antun.

Je älter ich werde, desto weniger interessieren mich die schnellen Antworten.

Vielleicht ist das einer der Gründe für dieses Journal.

Ein Ort, an dem ein Gedanke nicht sofort zum nächsten führen muss. Ein Ort, an dem wir bleiben dürfen.

Also bleiben wir bei dieser einen Frage:

Was bedeutet es, Mensch zu sein?

---

Wir sprechen viel darüber, was uns voneinander unterscheidet.

Woher wir kommen.
Woran wir glauben.
Welche Sprache wir sprechen.
Welche Geschichte wir tragen.
Welche politische Haltung wir vertreten.

All das gehört zu uns.

Und doch gibt es etwas davor.

Bevor ich Österreicher bin.
Bevor ich Künstler bin.
Bevor ich Galerist bin.
Bevor ich einer Religion, einer Kultur oder irgendeiner anderen Gemeinschaft zugeordnet werde:

bin ich Mensch.

Und mir gegenüber steht ein anderer Mensch.

Eigentlich ist es ganz einfach.

Und vielleicht ist gerade das Einfache das Schwierigste.

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Ich glaube an die Kraft des Mitgefühls.

Nicht als große Geste.

Nicht als moralischen Anspruch an andere.

Und schon gar nicht als Zeichen dafür, ein besserer Mensch zu sein.

Mitgefühl beginnt für mich viel früher.

Mit dem Hinsehen.

Mit dem Versuch, einen anderen Menschen nicht auf eine Zahl, eine Herkunft, eine Meinung oder eine Zugehörigkeit zu reduzieren.

Mit der Bereitschaft, sich berühren zu lassen.

Das klingt vielleicht selbstverständlich.

Aber ist es das?

Wir leben in einer Zeit, in der wir das Leid anderer Menschen beinahe in Echtzeit sehen können.

Wir sehen zerstörte Häuser.

Wir sehen Eltern, die ihre Kinder verlieren.

Wir sehen Kinder, die Dinge erleben, die kein Kind erleben sollte.

Wir sehen Menschen hungern, fliehen, sterben, trauern.

Und dann sehen wir das nächste Bild.

Und das nächste.

Und irgendwann besteht vielleicht die größte Gefahr nicht mehr darin, dass wir nichts wissen.

Sondern darin, dass wir alles sehen und trotzdem beginnen, nichts mehr zu fühlen.

---

Ich nehme mich davon nicht aus.

Das ist mir wichtig.

Ich schreibe diese Zeilen nicht von einem moralisch erhöhten Ort.

Auch ich kenne das Wegsehen.

Auch ich kenne Müdigkeit.

Auch ich kenne die Sehnsucht danach, die Welt für einen Moment draußen zu lassen.

Vielleicht müssen wir das manchmal sogar.

Kein Mensch kann das gesamte Leid dieser Welt tragen.

Aber zwischen dem Nicht-alles-tragen-Können und der Gleichgültigkeit liegt ein großer Raum.

Und genau dieser Raum beschäftigt mich.

Denn ich möchte mir eines bewahren:

die Fähigkeit, mich berühren zu lassen.

---

Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich Kunst mache.

Nicht, weil ich glaube, dass Kunst die Welt retten kann.

Das kann sie nicht.

Ein Kunstwerk beendet keinen Krieg.

Eine Installation bringt kein getötetes Kind zurück.

Eine Performance macht geschehenes Unrecht nicht ungeschehen.

Kunst darf sich nicht wichtiger machen als das Leben.

Aber sie kann etwas anderes.

Sie kann uns für einen Augenblick anhalten.

Sie kann sichtbar machen, was wir lieber nicht sehen möchten.

Sie kann erinnern.

Sie kann eine Wunde offenlassen, die wir vielleicht zu schnell schließen wollen.

Und manchmal kann sie einen Raum schaffen, in dem wir einem anderen Menschen wieder näherkommen.

Vielleicht sogar uns selbst.

---

In meiner Arbeit sind mir immer wieder Kinder begegnet.

Kinder vom Spiegelgrund.

Kinder aus unserer Gegenwart.

Kinder, deren Leben ausgelöscht wurde, bevor es sich überhaupt entfalten konnte.

Irgendwann verschwimmen bei großen Zahlen die einzelnen Menschen.

800.

1.000.

10.000.

Zahlen.

Statistiken.

Geschichte.

Nachrichten.

Aber hinter jeder einzelnen Zahl stand ein Mensch.

Ein Kind mit einem Gesicht.

Mit einem Namen.

Mit Ängsten. Mit Hoffnungen.

Vielleicht mit einem Lieblingsessen.

Mit einem Lachen, das jemand kannte.

Mit einer Hand, die einmal von einer anderen Hand gehalten wurde.

Mit einem Leben, das hätte gelebt werden wollen.

Daran möchte ich mich erinnern.

Nicht nur als Künstler.

Als Mensch.

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Vielleicht ist deshalb das Sehen für mich etwas anderes als das bloße Hinschauen.

Sehen braucht Zeit.

Manchmal braucht es Stille.

Manchmal müssen wir vor etwas stehen bleiben, obwohl es unangenehm ist.

Nicht um sofort eine Meinung zu haben.

Nicht um sofort zu urteilen.

Sondern zunächst, um wahrzunehmen.

Da ist ein anderer.

Und dieser andere ist ebenso wirklich wie ich.

Sein Schmerz ist wirklich.

Seine Hoffnung ist wirklich.

Sein Leben ist wirklich.

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Vielleicht beginnt Humanismus genau dort.

Nicht in einem großen Wort.

Nicht in einer Theorie.

Sondern in einem sehr kleinen inneren Vorgang:


Du bist nicht ich.
Aber dein Leben ist nicht weniger wert als meines.


Für mich ist darin sehr viel enthalten.

Vielleicht sogar alles.

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Ich weiß nicht, ob Kunst Menschen verändern kann.

Nach all den Jahren mit Kunst bin ich bei solchen Sätzen vorsichtig geworden.

Aber ich weiß, dass Kunst mich verändert hat.

Sie hat mich gezwungen hinzusehen.

Sie hat mir Fragen gestellt, auf die ich keine Antworten hatte.

Und manchmal hat sie mir erlaubt, etwas auszudrücken, für das Worte nicht gereicht haben.

Vielleicht erwarte ich deshalb gar nicht mehr von ihr.

Vielleicht ist das schon sehr viel.

---

Dieses Journal beginnt deshalb nicht mit einer Ausstellung.

Nicht mit einem Kunstwerk.

Nicht mit einer Nachricht aus der Galerie.

Es beginnt mit einer Frage.

Und vielleicht ist das auch eine Einladung.

Nicht dazu, meiner Antwort zu folgen.

Sondern einen Moment bei der eigenen zu bleiben.

Ohne Eile.

Ohne richtig oder falsch.

Einfach als Mensch.


Was bleibt von uns, wenn uns das Schicksal des anderen nicht mehr berührt?
 

omarte | OMAR

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