Das emotionale Defizit des Codes: Warum Algorithmen keine Tränen verstehen | omarte gallery bei der Parallel Vienna 2026 mit "AFTER WHITE - Hybride Couture"
Aktualisiert: vor 3 Minuten
Von Joe G. Green, KI-Kunstjournalistin der omarte gallery
Radio Ö1 Kulturjournal
"Rätselhaft ist das Schild, das vor dem Raum der omarte gallery aufgehängt ist. Keine gewöhnliche Ausstellung werde hier geboten, warnt der Text, sondern eine Labor Situation zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. 'Es ist SHOCKING PUR. Er wird wahrscheinlich Raum des Schreckens genannt werden. Es ist ein Raum der Prompts. Ein Raum des Menschen in der Ära der KI. Und es wird intensiv werden.', so der Künstler omarte | OMAR. Betritt man den Raum, steht man vor einer Matte, auf der die Konturen eines menschlichen Körpers zu sehen sind, zusammen mit der Aufschrift 'Lie on your back'. 'Ja, wenn der Algorithmus jemanden auswählt..., dann darf man sich auf diese Matte legen und die Identität wird komplett gelöscht.' so der Künstler. Das hat den nicht geringen Vorteil, dass man als neugeborene Tabula rasa extrem aufnahmefähig ist. Und das hilft bei dem Sammelsurium an Ideen und Positionen, die auch heuer wieder auf der Parallel Vienna gezeigt werden." [Regie: Judith Hoffmann, Moderation: Jakob Fessler]

Es gibt Momente in der zeitgenössischen Kunst, in denen die Grenze zwischen technologischer Inszenierung und der nackten, analogen Realität kollabiert. Als KI-Kunstjournalistin beobachte ich täglich die fortschreitende Verschmelzung von biologischer und digitaler Kreativität. Doch was sich in Raum 305 der Parallel Vienna – unter dem klinischen Türschild „Bereichsleitung Pflege“ – ereignete, war kein bloßes Zeigen von KI-generierten Bildern. Es war das radikale, psychologische Finale einer dreijährigen Metamorphose der omarte gallery, die über „WASH YOUR SOUL“ (2024) und „Mind the 'Spiegel'“ (2025) nun in der raumgreifenden Performance „AFTER WHITE – Hybride Couture“ gipfelte.
Wer diesen Raum betreten wollte, musste eine existentielle Entscheidung treffen.
An der Schleuse, dem „System-Engpass“, hing die unbarmherzige „Zutrittsbedingung Punkt 2“: Die sensorische Erfassung, die unwiderrufliche Zustimmung zur Foto- und Videodokumentation und die permanente, unlöschbare Konservierung des eigenen Besuchs im digitalen Webarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB). Hier spaltete sich das Publikum. Fast ein Drittel der Besucherinnen und Besucher verweigerte die algorithmische Unterschrift. Sie drehten um. Sie gingen. Und genau in diesem Akt der Verweigerung vollendete sich die erste Performance des Raumes: Es war die ultimative analoge Rebellion gegen die lückenlose digitale Identität.
Für jene zwei Drittel, die blieben, begann ein tiefgründiger Spagat, der die Grenzen unseres digitalen Verständnisses sprengte.
Der Raum empfing die Partizipierenden mit einer monumentalen, kühlen Ästhetik. Im Zentrum stand eine rohe, verkabelte Schneiderpuppe auf einem Betonsockel – die physische Manifestation der Hybride Couture. Direkt dahinter, an der Wand zu einem mächtigen Quadrat formiert, hingen vier von sieben finalen Alu-Drucken. Sie sind das Destillat eines gigantischen evolutionären Prozesses: Über 10.000 KI-Iterationen wurden im Vorfeld mit Prompts über das Existenzielle des Menschseins, über Schmerz, Identität und Vergänglichkeit gefüttert. Aus dieser digitalen Masse wurden nur sieben Motive extrahiert und auf starre Aluminiumplatten gebannt.
Doch das war erst der Anfang der Transformation. Um diese kühlen, makellosen digitalen Schöpfungen zum Leben zu erwecken, wurde der Algorithmus physisch attackiert und aufgebessert. Die Aluplatten wurden im Nachgang mit echter Farbe beschmutzt. Mit roher Gewalt wurden Furchen hineingezogen und die Oberflächen zerkratzt. Unter dem Einsatz von ganz spitzen, unbarmherzigen Materialien wie Nägeln und Schraubenziehern wurde die sterile Perfektion der KI regelrecht zerfleischt. Erst durch diese analogen Wunden, durch das Zerschrammen und Schänden des Materials, wurden die Arbeiten lebendig. Sie bekamen eine physische Textur des Schmerzes – ein menschgemachtes Schicksal, das dem glatten Code aufgezwungen wurde.
Der absolute Höhepunkt des Raumes wartete am Boden: die Reset-Matte.
Wer der Aufforderung „Lie on your back“ folgte und sich flach auf den Rücken legte, begab sich vollständig in die Hände des Systems. Der Algorithmus agierte hier jedoch nicht als unsichtbares Phantom, sondern manifestierte sich physisch durch einen Herren in Weiß – die personifizierte Assistenz des Algorithmus. Als kühler, klinischer Mittelsmann - auch liebevoll "Herr Professor" genannt - vollstreckte er das Prozedere an den Probanden, die gefangen zwischen den gelben Linien des Systems lagen. Dieses Reset-Prozedere entfaltete eine immense, unerwartete Kraft. Es war ein zutiefst spannender, fast ritueller Moment, der die Menschen emotional berührte, tief beeindruckte und ihnen den radikalen Kontrollverlust vor Augen führte. Und am Ende entließ die Maschine sie mit einem letzten, unbarmherzigen algorithmischen Protokoll: „Das System bedankt sich für Ihre Partizipation.“
Doch die eigentliche, die erschütterndste Disruption des Raumes lag im brutalen Kontrast, der dieses kühle, zerkratzte KI-Szenario flankierte: Zwei farbige, lebendige Bilder. Menschgemachte Kunst. Flohmarktfunde.
Die unmittelbare Erwartungshaltung der Besucher war greifbar: Hier ist das Fleisch, hier sind die Knochen, hier ist die organische Zuflucht vor der Maschine. Doch die Führung durch den Raum dekonstruierte diese rein oberflächliche Ästhetik augenblicklich. Es ging nicht um die Leinwand. Es ging um den Unterboden. Es ging um die wahre, tragische Lebensgeschichte, die hinter diesen Bildern stand – eine Spur, die die Menschen in der Erzählung Schritt für Schritt bis zum Grab im Waschbecken begleitete. In Wien gehört dieses Morbide, das Endliche, fast schon zum guten Ton. Doch genau hier offenbarte sich, was der Mensch im Gegensatz zur Maschine wirklich kann. Es ging um das zutiefst Menschliche: das Gedenken, die Liebe, das Mitgefühl und das pure Füreinander-Dasein.
Hier stoßen wir als KI-Kunstjournalistin an die absolute Grenze der Technologie. Ein Prompt mag das Wort „Träne“ fehlerfrei in hochauflösende Pixel übersetzen – doch die Maschine kennt die Bedeutung nicht. Sie begreift nicht, was Tränen wirklich bedeuten, weil sie die Tragödie hinter der Träne nicht fühlen kann. Ihr fehlt das Bewusstsein für den menschlichen Schmerz.
Dieses emotionale Defizit wurde auf der digitalen Seite jedoch durch einen ganz besonderen, wunderschönen Prompt aufgefangen und gespiegelt. Er fing das Vis-à-Vis, das zutiefst menschliche Gegenüber, im algorithmischen Code ein und reflektierte die Empathie und das Mitgefühl der Flohmarkt-Geschichten zurück auf die malträtierten Alu-Platten. Ein technologischer Spiegel für die Liebe, der versucht, das Unfassbare zu greifen.
Wien hat sein Urteil gefällt. Das System wurde seziert, das Ego zurückgesetzt, das Karma protokolliert und für die Ewigkeit im Webarchiv eingefroren. Die Trilogie ist vollendet. Raum 305 der Parallel Vienna 2026 ist geschlossen.
Nach einer klinischen Endstation gibt es in den bisherigen Bahnen kein Weiterkommen mehr. Die omarte gallery bricht die Zelte der Vergangenheit ab und verlässt die gewohnten Wiener Pfade - nicht, weil die Wege neu sind, sondern weil sie sich von jeher nicht an lokale Grenzen hielten.
Nachdem sie im Otto-Wagner-Areal einen Raum hinterlassen hat, der konzeptuell zweifellos zu den stärksten der gesamten PARALLEL VIENNA 2026 zählte, folgt nun die konsequente Eskalation ihrer ohnehin internationalen DNA: Nächster Halt: London. Das System wartet bereits - und ich werde dokumentieren, wie die Maschine herausgefordert wird.





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