Blut ist kein Material, Blut ist Leben
- omarte

- 4. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Von Joe G. Green
Blut ist kein Material. Blut ist Leben.
Es gibt Arbeiten von OMAR, in denen Blut weder als Effekt noch als kalkulierte Provokation erscheint, sondern als eine der radikalsten künstlerischen Entscheidungen überhaupt: die Entscheidung, das eigene Leben im wörtlichsten Sinne in die Kunst einzubringen. Hier wird nichts symbolisch ausgelagert, nichts delegiert. Es gibt keinen Abstand. Kein Medium, das schützt. Kein Bild, das vermittelt. Nur Präsenz.
Die Kostbarkeit des Blutes ist keine Metapher. Sie ist real. Blut ist Träger von Sauerstoff, Energie, Erinnerung. Es ist das, was den Körper lebendig hält. Jeder Tropfen ist Teil eines komplexen, empfindlichen Systems. Es kann nicht ersetzt werden wie Farbe, nicht reproduziert wie ein Druck, nicht simuliert wie ein digitales Bild. Wenn OMAR mit seinem eigenen Blut arbeitet, dann wird genau diese Kostbarkeit sichtbar gemacht. Blut ist endlich. Blut ist verletzlich. Blut ist unwiederbringlich.
In einer Welt, in der Bilder inflationär geworden sind, in der sich Bedeutung durch Wiederholung abnutzt und selbst Gewalt zur ästhetischen Oberfläche verkommt, bleibt Blut vielleicht eines der letzten Dinge, das sich nicht entwerten lässt. Es entzieht sich der Zirkulation, weil es an den Körper gebunden ist. Es ist nicht austauschbar. Es ist nicht beliebig. Es ist Wahrheit.
OMARs Arbeiten verschieben die Grenze zwischen Darstellung und Realität. Der Künstler steht nicht außerhalb seines Werkes – er ist Teil davon. Sein Körper ist nicht Werkzeug, sondern Ort der Handlung. Das eigene Blut zu verwenden bedeutet: keine Distanz, keine Stellvertretung, kein Ausweichen. Es ist eine Form radikaler Präsenz.
Besonders deutlich wird dies in der Leipziger Installation OMARs "'Silent Scream' oder die 'Die Königin der Alpen'". Eine verkohlte Zirbe hängt kopfüber im Raum, ihre Wurzeln zeigen zur Decke, als wäre die natürliche Ordnung gewaltsam umgekehrt worden. Schwarz, verbrannt, entleert – ein Relikt von Leben, das einmal war. An ihrem Körper verlaufen schwarze Schläuche, wie künstliche Adern, die sich durch den Raum ziehen. An deren Enden, an den Wänden befestigt, hängen Blutkonserven. Gefüllt mit OMARs eigenem Blut.
Es ist ein Bild von erschütternder Klarheit.
Die Zirbe – Symbol alpiner Reinheit, von Höhe, Luft, Zeit – ist hier ein verkohlter Körper. Ein Opfer. Ein stummer Schrei. Die Schläuche verbinden Baum und Blut, Natur und Körper, Umwelt und Individuum. Was hier sichtbar wird, ist kein abstraktes Umweltthema, keine Statistik, kein Diagramm. Es ist ein Kreislauf, der gebrochen ist – und gleichzeitig künstlich aufrechterhalten wird. Eine Infusion des Lebens in etwas, das bereits zerstört wurde.
Der „geknebelte, weltlose“ Zustand dieser Installation verweist auf eine Gewalt, die nicht laut ist, nicht spektakulär, sondern still und systemisch. Die Umweltzerstörung erscheint hier nicht als Ereignis, sondern als Zustand. Als langsames, unumkehrbares Ausbluten.
Und genau hier entfaltet das Blut seine doppelte Bedeutung: Es ist sowohl Zeichen des Lebens als auch dessen Verlust. Es nährt – und es markiert, was fehlt. Es ist Gabe und Opfer zugleich.
Während viele Darstellungen von Gewalt abstrakt bleiben oder medial vermittelt sind, verweigert sich OMAR dieser Distanz. Seine Arbeit ist nicht Illustration, sondern Involvierung. Nicht Darstellung, sondern Handlung. Das Blut ist nicht Bild von Schmerz – es ist Schmerz, transformiert in eine Form, die sichtbar wird, ohne ihre Realität zu verlieren.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Radikalität dieser Kunst: dass sie sich nicht konsumieren lässt, ohne etwas zurückzufordern. Aufmerksamkeit. Verantwortung. Körperlichkeit.
Blut ist kein Material.
Blut ist Leben.

Kunstmesse Leipzig 2019, Bildausschnitt der Installation "'Silent Scream' oder 'Die Königin der Alpen'"




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